Bauhäusle

Am Anfang: Hör mal wer da hämmert


Neugierige Blicke und den einen oder anderen frechen Spruch mussten sich die Studenten im Sommer 1981 gefallen lassen. „Was hämmert ihr denn da zusammen? Einen Hühnerstall?“, so die nicht ganz unberechtigte Frage eines vorbeispazierenden Rentners an die fleißig arbeitenden Architekturstudenten. An der eigenen Ehre gepackt sprang der Vater dieses kuriosen Projekts für seine Schützlinge in die Bresche: „…das sind die neusten Forschungsergebnisse im Wohnheimbau – nach Käfigbatterien und Bodenzucht nun endlich die Freilandhaltung für Studenten und nicht nur für Hühner“, grinste Peter Hübner in das verdutze Gesicht der Spaziergänger.


Theorie und Praxis Kombiniert!


Zusammen mit seinem Kollegen Professor Peter Sulzer, den Assistenten und den Lehrbeauftragten am Lehrstuhl Architektur an der Universität Stuttgart kam ihm 1980 die Idee zu einem neuen zeitgemäßen, praxisorientierten Projekt im Rahmen der Architekturausbildung. Unter dem Motto „Lernen durch selberbauen“ sollten die jungen Studenten die theoretische Arbeit am Zeichenbrett und die praktische Arbeit mit Hammer, Säge und Nagel kombinieren. Die Idee war es das Bauen und Konstruieren begreifbar zu machen, indem die Studenten ihr eigenes Wohnheim selbst planen, entwerfen und schlussendlich im Selbstversuch bauen und auch bewohnen sollten. Für zu komplex und zu umfangreich wurde die Idee zu Beginn noch belächelt, aber allen Wiederständen zum Trotz dennoch in die Tat umgesetzt.


Theorie und Praxis Organisatorisches


Die ersten Hürden organisatorischer Natur wurden von verschiedenen Seiten hin tatkräftig unterstützt und folglich auch genommen. Material- und Geldspenden, ein staatlicher Zuschuss sowie die kostenlose Arbeitskraft der rund 200 Studenten stellten das finanzielle Gerüst des Projekts auf eine solide Basis. Das Studentenwerk der Universität Stuttgart erklärte sich bereit die Unterhaltung des Wohnheimes zu übernehmen. Nachdem nun die organisatorischen Punkte geklärt waren, konnte sich der Lehrstuhl für Architektur an die Planung der „Grundsubstanz“ machen. Der Gemeinschaftsbau mit Küche, Toiletten, Duschen, Aufenthaltsraum und Technikraum wurde von den erfahrenen „Profis“ am Lehrstuhl geplant, ehe es dann für die Studienanfänger ans Eingemachte ging. In einer einjährigen, intensiven Unterrichts- und Planungsphase erarbeiteten die Studenten in 30 Kleingruppen den Entwurf für je ein Zimmer.


Theorie und Praxis Stimmungskiller


Im Sommer 1981 war es dann soweit; der symbolische erste Spatenstich zur Grundsteinlegung wurde gemacht. Und es dauerte keine zwei Wochen, dass die Studenten die ersten Erfahrungen mit dem Konflikt „Theorie vs. Praxis“ sammeln durften. Was auf den Plänen noch ganz einfach und unkompliziert aussah, entpuppte sich in mancher Situation vor Ort als echtes Problem. Improvisationstalent war nun gefragt! Aber das Ganze ging auch anders herum. Probleme die bei der Arbeit am Zeichenbrett manchem Studenten schlaflose Nächte bereiteten, lösten sich vor Ort manchmal wie von selbst. Einen Faktor den kein Architekt vom Schreibtisch aus miteinberechnen kann, trat auch schon in der Frühphase des Baus zu Tage – das Wetter. Regen, Schlamm und Kälte sind die Stimmungskiller für die Laune eines jeden Arbeiters. Doch auch hier wussten sich die Beteiligten durch das ein oder andere spontane Fest zu helfen. Oder erfreuten sich an unerwartetem Besuch, der neue Motivation verpackt in Kaffee und Kuchen mitbrachte.


Theorie und Praxis „Es hält, es steht…“


Bereits nach sechs Monaten Bauzeit waren die ersten Zimmer bezugsfertig. Und nach drei weiteren Bauabschnitten, die jeweils in der vorlesungsfreien Zeit lagen, konnte im Juni 1982 das neue Wohnheim, mit seinen 30 Zimmern, in die Obhut des Studentenwerks übergegeben werden. In ironischer Anspielung auf das Weimarer Bauhaus der 20er Jahre, tauften die Studenten ihr Wohnheim auf den Namen „Bauhäusle“. Nach zwei Jahren Bauzeit, ohne Kran und ohne Hebe-Zug, standen die Studenten also nun vor ihrem selbst geplanten und errichteten Wohnheim. In dem aus mehreren Häusern bestehenden Wohnheim fanden die Einflüsse und Ideen aus fast 200 Köpfen ihren Niederschlag. Alles ist selbstgebaut: ein „Häuserhaus“ bestehend aus mehreren Einzelbauten, die aber nicht isoliert dastehen, sondern durch verschiedene Verbindungsgänge, Korridore und Gemeinschaftsräume verbunden sind. „Es hält, es steht, ist handwerklich perfekt und ganz fürchterlich wohnlich, es schwäbelt und schwarzwäldelt ein bisschen…“, so das treffende Urteil des Züricher Tages-Anzeigers. Ein Wohnheim, welches auf pflanzenhafte Art gewachsen ist, verkörpert hier Architektur nicht als Schaufassade, sondern als selbstverständlich gewachsene, natürliche Hülle eines Lernprozesses, der nur zum Teil ein Bauprozess war.

„Lehrer und Lernende waren eine enge Gemeinschaft, bei der sich die Rollen manchmal vertauscht haben“ so Peter Hübner. Es standen also von Beginn an schon nicht nur die Diskussionen, um Architekturformen, im Mittelpunkt, sondern in erster Line eine enge Gemeinschaft junger Menschen, zwischen denen im individuellen als auch im gemeinschaftlichen Leben eine spürbare Harmonie besteht, damals wie heute.